Christoph Baumann

Christoph Baumann, Theologe, Aufbaukursabsolvent und bis 2012 Friedensfachkraft in Südafrika

 

 Spiritualität und erfahrungsbezogenes Training

Gewaltfreiheits-Kurse als Einladung und Herausforderung zur Umkehr

Meine These, die ich im folgenden erörtern will, lautet: Erfahrungsbezogenes Training in Gewaltfreiheit hat eine spirituelle Qualität. Es deckt die "Realspiritualität" einer Person auf und schafft den Raum zum Wachstum einer Spiritualität der Gewaltfreiheit.

 

Spiritualität als Realspiritualität

Es gibt wohl wenige Wörter, die momentan so populär und gleichzeitig so vieldeutig und nebulös sind wie der Begriff Spiritualität. Deshalb ist zunächst einmal eine Begriffsklärung nötig. Spiritualität soll im folgenden als menschliche Tiefendimension verstanden werden, als Lebensfundament, Quelle oder Wurzeln, woraus ein Mensch lebt. Es geht um die Antwort auf die Frage: Was ist der Motor meines Lebens, was treibt mich an, was bestimmt mein Denken und Handeln? Dabei ist es wichtig hinzuzufügen, dass nicht eine Ideologie oder ein selbst angefertigtes Konzept gemeint ist, sondern das reale Fundament. In psychologischer Terminologie könnte man von einem unbewussten im Gegensatz zu einem bewusst konstruierten Fundament sprechen.

Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Ein Mensch mag von sich denken oder sagen, dass sein Leben wesentlich von dem Gebot der Nächstenliebe geprägt ist. Wenn dieser Mensch jedoch zutiefst davon überzeugt ist, dass Ausländer nur unsere Arbeitsplätze wegnehmen und eigentlich lieber verschwinden sollten, so offenbart er eine Haltung, die eher mit Hass (Fremdenhass) als mit Liebe bezeichnet werden kann. Dann ist die Nächstenliebe Ideologie, die nicht durch die Lebenspraxis gedeckt wird. Aus diesem Verständnis folgt auch, dass vielleicht nicht jeder Mensch eine Spiritualität im Sinne eines bewusst gewählten oder konstruierten Lebensfundaments hat, dass aber jeder Mensch eine "Realspiritualität" besitzt.

 

Erfahrungsbezogenes Training in Gewaltfreiheit

Erfahrungsbezogenes Training in Gewaltfreiheit hat nun wesentlich mit dieser Realspiritualität zu tun. Zunächst – und deshalb das vorgeschobene Adjektiv "erfahrungsbezogen" – geht es nicht, oder jedenfalls nicht primär, um ein kognitives, intellektuelles Training, um Debattieren oder die besten Argumente. Im Zentrum stehen nicht gewisse Konzepte, also nicht ein Wissen, das man anwenden kann oder auch nicht, sondern ein Können, das erlernt und angewendet, sprich: gelebt werden soll. (Im Englischen heißt der Begriff "skills training", also das Erlernen einer Fertigkeit.) Für das methodische Vorgehen in dieser Form des Trainings hat das zur Folge, dass nicht zuerst theoretisiert wird, sondern die Erfahrung am Anfang steht, etwa eine Übung, ein Rollenspiel, das so angeleitet wird, dass sich die Teilnehmenden real verhalten und nicht gemäß eines Ideals ("wie ich mich verhalten sollte"). Erst an zweiter Stelle steht dann die Reflexion über die Erfahrung.

Es geht darum, die eigene Realspiritualität zu erfahren, also zu erleben, wie man in einer Konfliktsituation wirklich und unzensiert denkt, kommuniziert, handelt. Und da Gewaltfreiheit bei den meisten Menschen eher unterentwickelt ist, tritt sehr oft eine Realspiritualität hervor, die durch Aggressivität oder Rückzug charakterisiert ist. Der amerikanische Theologe und Gewaltfreiheits-Aktivist Walter Wink beschreibt das im Englischen mit "fight or flight" (Kampf oder Flucht).

Doch es bleibt nicht beim Aufdecken dieser Spiritualität. Jetzt kann nach Alternativen gesucht werden, nach einem "dritten Weg" jenseits von "fight or flight", einem Weg, den wir mit dem Wort Gewaltfreiheit bezeichnen.

 

Gewaltfreiheit als Lebenshaltung

Das Konzept der Gewaltfreiheit kann man auf zweierlei Weisen verstehen: Zum einen kann es sich auf eine Methode beziehen, mit der wir unser Ziel (Gerechtigkeit, eine gerechtere Welt) erreichen wollen. Ein zweites Verständnis von Gewaltfreiheit geht über die bloße Methode, die durch Abwesenheit von Gewalt gekennzeichnet ist, hinaus und beschreibt eine umfassende Lebenshaltung. In oben beschriebener Terminologie manifestiert sich die Gewaltfreiheit dann in der Realspiritualität.

Mir geht es bei Gewaltfreiheit auf jeden Fall um letzteres: die Gewaltfreiheit als Lebenshaltung. Hat solch eine Haltung etwas mit Religion, speziell vielleicht mit dem christlichen Glauben zu tun? Und wenn ja, was? Dazu will ich einen Teilnehmenden eines Kurses zitieren: "Durch das Training in Gewaltfreiheit lerne ich, immer mehr so zu sein wie Jesus." Als ich dieses Statement hörte, wusste ich nicht so recht, ob ich lachen oder mich empören sollte. Wer kann schon wagen, so sein zu wollen wie Jesus? – Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich zumindest sagen, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger in die Nachfolge berufen hat, und das bedeutete Nächstenliebe und in ihrer Zuspitzung selbst Feindesliebe (Mt 5, 38-47). Aber auch Gewaltfreiheit?

Sowohl bei Gewaltfreiheit als auch bei Feindesliebe geht es um eine Alternative jenseits von "fight or flight". Beide weigern sich, einem Paradigma zu folgen, das die andere Person besiegen, beherrschen oder gar zerstören will. Stattdessen wird die andere Person in ihrer Würde – jenseits von und möglicherweise trotz ihrer Tat – geachtet. Ziel ist es, sie für ein neues Paradigma, nämlich Gewaltfreiheit (die Gerechtigkeit einschließt) bzw. Liebe zu gewinnen. Gewaltfreiheit kann also als eine Perspektive, eine Facette von Nächsten- und Feindesliebe verstanden werden. Vielleicht kann man gar sagen, dass Gewaltfreiheit ein anderer, aus dem (politischen) Kampf für Gerechtigkeit geborener Name für das biblische Konzept der Nächsten- und Feindesliebe ist. Für Christinnen und Christen bedeutet deshalb erfahrungsbezogenes Training in Gewaltfreiheit: Schritte in die Nachfolge Jesu gehen.

 

Eröffnung eines Raumes

Wie soll nun diese Spiritualität entwickelt, erreicht, entdeckt werden? Ich denke, dass es hier weniger um "machen" geht als darum, einen Raum zu eröffnen, in dem ausprobiert und experimentiert werden kann. Das ist wie beim Anprobieren von Kleidungsstücken. Es muss eine Weile gesucht, an- und ausgezogen werden bis man sagen kann: "Ja, jetzt passt's". Und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt : Es wird keine fertige Lösung, keine vorgekaute Spiritualität serviert, sondern eben dieser Raum geschaffen, in dem sich eine Spiritualität der Gewaltfreiheit entfalten, wo sie wachsen kann.

Wir haben es hier mit einer komplexen Wechselwirkung zwischen Methode und Lebenshaltung zu tun. Eine gewisse Lebenshaltung, eine Offenheit, zu lernen, zu wachsen, Gegenwärtiges zu prüfen und möglicherweise in Frage zu stellen, muss vorhanden sein, um sich auf die Methode einzulassen. Die Methode des erfahrungsbezogenen Trainings in Gewaltfreiheit garantiert umgekehrt aber noch nicht eine neue Lebenshaltung, sondern schafft eben erst den Raum, aus dem heraus die neue Haltung erwachsen kann.

Praktisch bedeutet das, Alternativen zu suchen und einzuüben. Und das ist ein offener und langer, ja lebenslanger Prozess des Wachstums und der Vertiefung einer Realspiritualität der Gewaltfreiheit. Erfahrungsbezogenes Training in Gewaltfreiheit ist Einladung und Herausforderung, sich immer wieder auf diesen Prozess ein zu lassen. Diesen Prozess bin ich geneigt, mit dem Wort Metanoia (Umkehr) zu charakterisieren, einem Zentralbegriff des christlichen Glaubens (Mk 1, 14f) . Worauf es ankommt, ist die Bereitschaft, sich immer wieder reality-checks auszusetzen, immer wieder bereit zu sein, vom fight-or-flight-Weg umzukehren und sich auf den Weg des Evangeliums zu machen, den Weg der Gewaltfreiheit, der Nächsten- und Feindesliebe.

 

Christoph Baumann absolvierte während seines Vikariats in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau den berufsbegleitenden Aufbaukurs 2000/2001 des OeD. Anschließend lebte er mit seiner Familie in Südafrika, dem Heimatland seiner Frau, wo er Gewaltfreiheits-Trainings und Übungsgruppen in Gewaltfreier Kommunikation anleitete. Nach der Rückkehr nach Deutschland ist er als Gemeindepfarrer tätig.