Wiebke Jung

Wiebke Jung, ehemalige Vorsitzende des gewaltfrei handeln e.V. (früher: Oekumenischer Dienst Schalomdiakonat e.V.)

 

Die Lebendigkeit und Weite des Quellgrundes.
Die Spiritualität des Oekumenischen Dienstes im Wandel der Zeit

Die Frömmigkeit des Oekumenischen Dienstes (OeD) hat sich verändert auf seinem Weg von den Anfängen bis heute. Vor allem die erfahrungsbezogene Methodik der Kurse und ihre bunt gemischten Teilnehmer*innen sowie die stärkere Präsenz der Frauen auf allen Ebenen haben neue Akzente gesetzt.

Ein Ausdruck der Veränderung ist, dass wir weniger von Frömmigkeit und häufiger von Spiritualität sprechen, wenn wir beschreiben wollen, was sich ereignet, wenn Menschen unterschiedlichster (u.a. kirchlicher) Herkünfte, Altersstufen und Lebenserfahrung miteinander Zeiten des Nachdenkens, Essens, Klagens, Dankens und Feierns gestalten. Sie alle verbindet - das sagt schon der nicht immer leicht zu vermittelnde Name "Schalomdiakonat" -, dass ihre Suche und Neugier oder auch ihre feste Verwurzelung dem christlichen Glauben gilt, und dass die Spiritualität der Gewaltlosigkeit Jesu sie anzieht und beschäftigt. In einzelnen Fällen - und auch das wird uns verändern - bringen Buddhisten oder Muslime ihre Spiritualität in unsere Kurse mit.

Bevor es die Fortbildungskurse gab, war es eine relativ geschlossene Gruppe, die das Schalomdiakonat als Konsequenz der ökumenischen Versammlungen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mit der Gründung des OeD in die Tat umzusetzen begann. Es war an eine Art "Mutterhaus" gedacht, das Aussendungsort für Menschen sein sollte, die sich zu einem lebenslangen Friedensdienst verpflichten. Klöster, geistliche Lebensgemeinschaften, Kommunitäten und Menschen aus verschiedenen Kirchen, die von solchem gemeinschaftlichen Leben fasziniert waren, waren besonders engagiert bei diesen ersten Anstößen zur Umsetzung, und ihre Ideale prägten das Bild.

 

Keine alltagslose Frömmigkeit

Tragend ist von dieser Tradition bis heute die Tatsache, dass es nicht um alltagslose Frömmigkeit geht, sondern dass die auch damals vorhandene Verschiedenheit zusammengehalten wird durch das gemeinsame Engagement für den Frieden und die offene Begegnung. Dieses gemeinsame "Auf-dem-Weg-sein" mit großer Wertschätzung des jeweils Anderen schützte und schützt uns vor unproduktivem Streit - was nicht heißt, dass wir Konflikte meiden.

Bis heute sind u.a. Teilnehmer*innen aus Klöstern, Lebenshäusern und Wohngemeinschaften in den Kursen. Schon hier begegnen sich Welten, wenn z.B. der junge Mann aus einer alternativen WG neben der Ordensschwester über einen langen Zeitraum im gleichen Kurs lebt und lernt. Dazu kommen aber mehrheitlich Menschen, die in Kleinfamilien oder allein leben und (wie auch durchaus Teilnehmer*innen aus WGs und Lebenshäusern) nur für eine Phase ihres Lebens Friedensarbeit im In- oder Ausland machen wollen. Andere, die teilnehmen, möchten das Gelernte in ihren Alltag als Lehrer*in oder Sozialarbeiter*in einbringen, und alle bringen eine völlig unterschiedliche Geschichte mit ihrem Glauben mit.

Unsere Kurse unterscheiden sich von anderen Angeboten zur zivilen Konfliktbearbeitung deutlich dadurch, dass dieses stärkende oder belastende Glaubens-Gepäck, diese Neugier auf Heilung und Sinn nicht tabuisiert wird, sondern ihr Anschauen, Ergänzen und auch das Loslassen und Verabschieden von Belastendem erklärtermaßen zum Lernprozess gehört. Inzwischen haben Hunderte von intensiven Begegnungen verschiedenster Menschen, ihr Austausch über Kraftquellen und Enttäuschungen, ja Verletzungen in ihrer Glaubensgeschichte die Spiritualität des OeD verändert, verjüngt - ganz subjektiv möchte ich sagen: verlebendigt.

Den Gründern (das theologische Konzept prägten vor allem Männer) kommt das Verdienst zu, die Quellen unseres Friedenshandelns benannt und dort - an den Quellen - gebaut zu haben. Den Kursteilnehmer*innen und neu hinzugekommenen Vereinsmitgliedern und MitarbeiterInnen (besonders den Frauen unter ihnen) verdanken wir, dass die ganze Lebendigkeit und Weite dieses Quellgrundes entdeckt wird. So können angstfrei auch die Verletzungen und Einschränkungen benannt und angeschaut werden, die Menschen sich zuziehen, wenn in ihrer Lebensgeschichte lebendiges Wasser zum harten Eis der Richtigkeiten gefroren ist. Auch der Mut, die eigene Aggressivität, den Schatten anzuschauen, der oft durch "christliche Freundlichkeit" nur verdeckt wurde, ist gewachsen - und er hat unser Lernen der Gewaltfreiheit bereichert.

Von Anfang an verstand sich der OeD als Weggemeinschaft. Weg und Ziel sind mit dem Wort "Schalom" beschrieben. Um den Begriff "Dienst" von einer Last zu befreien, die er - vielleicht vor allem für Frauen - hat, betonte eine kleine Frauengruppe im Nachdenken zum Thema dieses Artikels, dass die Gangart auf diesem Weg aufrecht ist.

 

Weg-Stationen in Zeit und Raum

Wie alle alltägliche Spiritualität ist auch unsere geprägt vom wiederholten Anhalten an Wegstationen in Zeit und Raum. In den Kursen oder Sitzungen sind diese Zeiten der Tages- bzw. Sitzungsbeginn und der Abend bzw. das Ende. Texte, Lieder, Gebete, Malen, Schauen, Schweigen, Bewegung und Tanz sind mögliche Formen. Nicht Seminar- oder Sitzungsleiter*in gestalten diese Zeiten, sondern alle im Wechsel und jede auf ihre, jeder auf seine Art. Das Essen ist auch eine Station des Bittens und Dankens an die Adresse Gottes. (Die Köch*innen werden dabei übrigens nicht vergessen!)

Sonntagsgottesdienste, Kursabschlussgottesdienste und der jährliche Gottesdienst am Ende des Sommertreffens bringen die Ereignisse eines Kurses, eines Treffens, aber auch Klage über politische Ausweglosigkeiten, Fürbitte und Dank für kleine Friedensschritte noch einmal in ein Bild und eine Intensität, die selbst diejenigen, die die Gestaltung übernommen haben, überrascht und beschenkt. In solchen Momenten ist besonders deutlich, dass Gottes unverfügbarer Geist hinzukommt, wenn wir Zeiten und Räume für die Spiritualität gestalten und freihalten.

Über Zeiten ist nun einiges gesagt und damit zum Teil auch schon über Räume. Eine Andacht in der Krypta des „Herrenhauses" von Imshausen (dem Hauptgebäude der Stiftung Adam von Trott) ist anders als der Gottesdienstbeginn vor dem Haus mit allen Kindern zum Sommertreffen oder das Lied am langen Esstisch in Wethen oder Imshausen. Die Andacht um eine Kerze im Raum ist anders als ein meditativer Spaziergang im Kursverlauf. Immer spricht der Ort mit.

In einem Kurs wird eine Form des Gebets oder des Abendmahls zum regelmäßigen Ritual, die für eine andere Kursgruppe nicht annehmbar wäre, weil Teilnehmer*innen eine schwierige Geschichte damit haben. Manche Teilnehmer*in gewinnt eine Form lieb, die ihr am Anfang fremd war, oder kann sie in dem Wissen mittragen, dass der neben ihr sie liebt und braucht. Sie werden ja gemeinsam für den Frieden arbeiten.

Die Vielfalt, von der ich mit Freude erzähle, macht es schwer, hier Generelles zu sagen. Das Gespräch über die je eigene Spiritualität und die Wertschätzung jedes / jeder Einzelnen sowie das Wissen um die Bereitschaft zum alltäglichen Friedenshandeln machen Weg und Ziel erkennbar und nehmen Anregung und Kraft aus Jesu Weg mit seinen Freunden und Freundinnen.

Der OeD hat Mitglieder aus den verschiedensten Kirchen und auch einige, die keiner Kirche angehören. Er selbst will nicht Kirche sein und weist darauf hin, wie wichtig für Kursteilnehmer*innen, Kooperationspartner*innen und Mitglieder Vernetzungen in Kirchen und Gruppen an ihren jeweiligen Orten sind. Er will die Kirchen an ihren friedenskirchlichen Auftrag erinnern und in sie hineinwirken. Er ist aber auch Wegstation des Auftankens, Gemeinde für uns alle, besonders für die unter uns, die eindeutig friedenskirchliches Engagement und auf das Alltagshandeln bezogene Spiritualität in ihren Heimatgemeinden und -bezügen schmerzlich vermissen.

 

Wiebke Jung lebt in Bremen und war Mitglied im Vorstand des OeD. Sie ist weiterhin engagiert in der Stiftung "die schwelle". Als Pädagogin, Pastorin und Supervisorin begleitet sie Gemeinde- und Projektgruppen, Teams und Einzelne.